MITARBEITER - VOM ENDE EINER SUCHE

Sophia ist mit ihrem Latein am Ende, als wir uns zum ersten Mal begegnen.

Ich bin ratlos. Alles könnte gut sein, wenn ich nur die Kapazitäten hätte, um alle Aufträge abarbeiten zu können. Wir sind zu dritt. Das ging lange ganz gut. Aber langsam wird es eng. Ich brauche mehr Mitarbeiter. Doch die finde ich einfach nicht.

Ich höre das nicht zum ersten Mal. Tatsächlich ist das genau das, was viele meiner Klienten erleben. Sie finden keine Mitarbeiter. Und immer wenn ich das höre, habe ich eine Freundin vor Augen, die sagt genau das Gleiche, nur in einem anderen Kontext. Die, die gut, gleich attraktiv sind, die sind vergeben. Der Rest ist eben nur zweite Wahl.

Während wir für einen Moment schweigend mit unseren jeweils ganz eigenen inneren Bildern und Gefühlen beschäftigt sind, fällt mir ein weiteres, immer wieder aufgeführtes Argument ein. Und als hätte sie meine Gedanken gelesen, sagt Sophia,

Wenn Dein Büro nicht in einer attraktiven Stadt liegt, dann hast Du ganz schlechte Karten. Wer will schon in irgendeinem verpennten Nest arbeiten?

Was genau hast Du denn bereits unternommen, um Mitarbeiter zu finden?

Ich habe inseriert im Architektenblatt und bei Competitionline, über die Agentur für Arbeit und in der Tageszeitung. Ach ja, und ich habe eine Anzeige am schwarzen Brett an der Uni, mit der geringsten Entfernung zu meinem Bürostandort, aufgehängt.

Und was beinhaltet Deine Stellenanzeige?

Ich habe den Schwerpunkt unserer Arbeit in den Vordergrund gestellt, damit sich hoffentlich vor allem diejenigen bewerben, die sich für das Thema interessieren. Ich habe geschrieben, was ich biete und was ich suche.

Sophia schaut mich mit unsicherem Lächeln an.

Na und was man halt noch so schreibt.

Dann fügt sie mit einem Anflug von Trotz in der Stimme hinzu.

Mir ist schon klar, dass heutzutage der Fokus auch darauf liegt, was man als Büro softskillmässig zu bieten hat. Uns Architekten geht es ja seit längerer Zeit wieder ganz gut und die Leute stehen einfach nicht mehr Schlange, weil sie dringend einen Job brauchen. Versteh mich nicht falsch. Ich war ja selbst mal Angestellte und ich weiß, wie wichtig das Betriebsklima ist. Doch ganz ehrlich, ich brauche Leute, die effizient arbeiten.

Das klingt ein bisschen so, als würden Effizienz und ein gutes Arbeitsklima sich widersprechen? War es so gemeint?

Natürlich nicht. Aber ich fühle mich schon arg unter Druck gesetzt. Und ich finde es irgendwie auch albern, in meine Anzeige zu schreiben, dass bei uns der Teamgedanke groß geschrieben wird oder dass die Getränke umsonst sind oder was ich sonst noch für komisches Zeug gelesen habe, als ich recherchiert habe, wie andere das so machen. Das klingt ziemlich hilflos und manches eben auch abgedroschen, oder? Also beschränke ich mich auf das Nötige. Das Büroprofil, die Anforderungen und was ich arbeitstechnisch biete.

Und wie hoch ist Deine Trefferquote?

Das ist es ja. Die ist letztlich gleich Null! Ab und zu scheint mal ein Treffer dabei zu sein, doch am Ende stellte sich bis jetzt immer raus, dass es doch nicht passt.

Sophia, sicher kennst Du den Spruch “Wenn etwas nicht funktioniert, tue etwas anderes”.

Ja, das ist mir schon klar. Doch was kann ich denn anders machen? Ich habe echt keine Ahnung. Sag Du es mir.

Ich hätte da schon Ideen. Doch worum es geht, ist, dass Du eigene, zu Dir passende Ideen entwickelst. Was ich sicher weiß ist, dass das, was Du und was viele Deiner Kollegen und Kolleginnen immer wieder erleben, die Folge einer Fokussierung auf nachrangige Faktoren ist.

Sophia sieht mich aufmerksam an.

Aha.

Was ist denn ausschlaggebend für Mitarbeiter*innen, die Du Dir für Dein Büro wünschst?

Neben einem angemessenen Gehalt, herausfordernden Aufgabenstellungen sicher auch das Arbeitsklima. Vermutlich flexible Arbeitszeiten, sprich die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten. Ich denke, das ist für viele interessant.

Hast Du denn eine genaue Vorstellung, wie der bzw. die ideale Mitarbeiter*in für Dein Büro sein sollte?

Ja, schon. Und die beiden Architektinnen, die bei mir arbeiten, die passen auch richtig gut.

Ich vermute, in Deiner Stellenanzeige steht nichts darüber, wie der Mensch sein sollte, der zu Dir und Deinem Büro passt. Richtig?

Nein! Ich schalte doch keine Kontaktanzeige.

Das ist doch interessant, oder? Wir packen den Begriff ‘Kontakt’anzeige sofort in einen Kontext, der rein gar nichts mit unserer Arbeit zu tun hat. Aber ist das wirklich wahr? Ein Architekturbüro ist ein soziales, spricht ein Beziehungsgefüge, in dem alle Beteiligten möglichst nach den gleichen Regeln spielen. Dazu braucht es Vereinbarungen. Es fällt uns immer dann ganz leicht, Vereinbarungen einzuhalten, wenn die Beziehung funktioniert. In Beziehung zu sein, bedeutet nichts anderes als in Kontakt zu sein. Funktioniert eine Beziehung nicht, sind wir nicht im Kontakt. Konflikte sind vorprogrammiert. Vielleicht würde eine andere Herangehensweise an das Thema auch andere Ergebnisse hervorbringen. Vielleicht würde eine Fokussierung auf die Beziehungsebene eine größere Anziehung ausstrahlen. Wenn Du Menschen, die es lieben, einen Großteil ihrer Zeit ihrer Arbeit zu widmen, fragen würdest, warum das so ist, was glaubst Du, würden sie Dir antworten?

Menschen, die es lieben zu arbeiten?

Genauer, Menschen, die ihre Arbeit lieben. Was denkst Du? Liegt es an den Aufgabenstellungen? Liegt es am Gehalt? Oder ist es vielleicht mehr als das? Finden sie vielleicht in dem Unternehmen, in dem sie arbeiten, wonach wir im Grunde alle suchen? Menschen suchen nach Verbindung. Wo Verbindung ist, existiert der Wille, gemeinsam etwas zu erreichen. Wer unterstützt Dich gerne dabei, Deine Ziele zu erreichen? Wen förderst Du gerne? Glaubst Du, dass Fragen wie diese eine tiefere Betrachtung wert sind?

Sophias Hand versinkt in den Tiefen ihrer Handtasche. Konzentriert navigiert sie durch Schichten, die mir verborgen verbleiben. Dann steht sie auf und greift nach ihrem Mantel.

Ich muss mal für ein paar Minuten frische Luft schnappen. Ich will das mal wirken lassen. Okay? Irgendwie macht es Sinn, was Du sagst. Aber andererseits…

Sie schüttelt entschieden den Kopf.

Ich brauche doch Leute, die gute Arbeit machen. Das ist doch das Wichtigste. Sonst läuft mein Büro nicht. Mich verwirrt das gerade. Ist es in Ordnung, wenn ich mal kurz rausgehe?

Ich stehe auf und begleite Sophia zur Tür. Als sie zurückkommt, wirkt sie immer noch angespannt. Also gehen wir es langsam an.

Du hast eben gesagt, dass Du mal recherchiert hast, um zu sehen, was die Stellenanzeigen von anderen Architekturbüros beinhalten. Worin unterscheiden sie sich?

Sophias spontane Reaktion ist ein breites Grinsen. Dann fängt sie an zu lachen.

Die waren, ehrlich gesagt, im Grunde alle gleich. Bis auf die eine mit den freien Getränken.

Wenn Du das Thema Mitarbeitersuche strategisch angehen willst, was denkst Du, wie lautet dann die erste Frage, die Du Dir selbst stellst?

Vielleicht, was macht mein Architekturbüro attraktiv für potenzielle Mitarbeiter?

Das ist ein super Start. Was fällt Dir dazu ein?

Da kommen jetzt erst mal so Gedanken wie: die meisten Absolventen wollen in große, renommierte Büros. Die wollen Wettbewerbe machen oder spannende Großprojekte bearbeiten. Die wollen was Besonderes. Das klingt ja auch ganz anders, wenn jemand sagt, er arbeitet zum Beispiel bei RKW oder Kadawittfeld.

Vermutlich liegst Du mit diesem Gedanken sowohl richtig als auch falsch. Die Frage ist also, von wem bekommst Du auf Deine Frage eine konkrete Antwort?

Sophia denkt einen Moment nach.

Ich kann aber doch jetzt keine Umfrage an der Hochschulen machen.

Wo könntest Du denn stattdessen auf ganz unkomplizierte Art und Weise eine Umfrage machen?

Ich könnte ja meine beiden Mitarbeiterinnen fragen.

Mit dieser Antwort kommt schliesslich eine Dynamik in unser Gespräch, die Sophia den Weg zu einer neuen Fokussierung und damit zu neuen Ideen zur Mitarbeitergewinnung eröffnet. In den folgenden 90 Minuten ist sie intensiv damit beschäftigt, Antworten auf die folgenden Fragen zu finden:

Welche Alternativen zu einer klassischen Stellenausschreibung fallen Dir ein?

Welchen dieser neuen Wege möchtest Du beschreiten, um die Mitarbeiter*innen anzuziehen, die zu Dir und Deinem Architekturbüro passen?

Welche Rolle spielen Deine aktuellen Mitarbeiterinnen dabei?

Was genau willst Du tun, um Dich abzuheben aus der Masse gleichklingender Anzeigen?

Als der Plan für Sophias nächste Schritte zur Mitarbeitergewinnung steht, machen wir erst einmal eine ausgiebige Mittagspause. Sophia erzählt von ihrer Zeit vor der Selbständigkeit und irgendwann sind wir wieder mitten drin in den Themen Sinn, Zugehörigkeit, Verantwortung und Zuständigkeiten. Sophia schildert gerade detailliert und mit viel Witz das Chaos, das in dem Büro herrschte, in dem sie zuletzt als angestellte Architektin gearbeitet hat, als sie plötzlich ihre Erzählung unterbricht.

Weißt Du, das ist ja alles schön und gut mit der Zugehörigkeit, der Beziehung und dem Sinn. Ich hab das schon kapiert und ich bin auch sicher, das ist der richtige Weg. Doch das ist doch eigentlich erst der Anfang. Ich meine, wenn dann die neue Mitarbeiterin da ist, dann geht es doch vor allem darum, dass die ihre Arbeit gut machen kann. Das war ja meine Verwirrung eben vor unserer Mittagspause.

Sophia, ich bin froh, dass Du es so ausdrückst. Genau. Es geht darum, dass die neue Mitarbeiterin ihre Arbeit gut machen kann. Und damit sind wir eigentlich schon bei der Fortsetzung Deines Themas. Wenn wir das Finden oder nennen wir es lieber das Anziehen passender Mitarbeiter*innen die ‘Pflicht’ nennen würden, dann wäre das Schaffen eines idealen Arbeitsfeldes für Deine Mitarbeiter*innen die ‘Kür’. Pflicht und Kür gehen beim Mitarbeiterthema Hand in Hand. Du wirst vermutlich im persönlichen Gespräch mit Menschen, die zu Deinem Team gehören wollen, darauf achten, dass sie über die Fähigkeiten und das Wissen verfügen, das für die jeweilige Stelle benötigt wird. Oder Du willst herausfinden, wie groß ihre Bereitschaft und ihr Interesse ist, sich Wissen und Fähigkeiten anzueignen, wenn Du zum Beispiel mit Hochschulabsolventen im Gespräch bist. Du solltest unbedingt eine genau Vorstellung davon haben, was Du voraussetzt und was Du bereit bist zu geben.

Ich schlage vor, wir nutzen die zweite Hälfte unserer heutigen Begegnung dazu, uns anzuschauen, wie Du ein sicheres Gespür dafür entwickelst, welche Menschen zu Dir und Deinem Büro passen. In unserem nächsten Gespräch widmen wir uns dann der Kür. Wir werden darüber sprechen, wie Du dafür sorgen kannst, dass Deine zukünftigen Mitarbeiter*innen ihre Arbeit selbständig, mit den von Dir gewünschten Ergebnissen, erledigen können. Bist Du bereit?

Ich bin bereit und vor allem extrem gespannt, was ich als nächstes entdecken werde.

Teilst Du Sophias Erfahrung, dass Mitarbeiter schwer zu finden sind?

Kannst Du Dir vorstellen, dass es Wege gibt, die Dir noch verschlossen sind, weil sie in Deinem bisherigen Denken nicht vorkommen?

Fragst Du Dich, was Du anders machen könntest, um Mitarbeiter*innen zu finden, die zu Dir und Deinem Architekturbüro passen?

Dann lass uns reden.