LOSLASSEN BEWAHREN VORANGEHEN

Zum Todestag von Volker Eich

Am Morgen des 20. März 2017 saß ich vor meinem Computer - bereit für ein Coaching per Skype - als mein Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung war der Stationsarzt der Palliativklinik Leipzig. Er bat mich, so schnell wie möglich in die Klinik zu kommen, da sich Volkers Zustand dramatisch verschlechtert hatte und er voraussichtlich innerhalb der nächsten Stunden sterben würde.

Ich hörte mich sagen, dass ich noch ein Kundengespräch zu führen hätte und dass ich gleich im Anschluss daran in die Klinik kommen würde. Verwirrt und verängstigt beendete ich das Gespräch und lief ziellos durch meine Wohnung. Nach wenigen Minuten griff ich erneut zum Telefon. Derselbe Arzt nahm das Gespräch entgegen und ich sagte, dass ich mich natürlich sofort auf den Weg machen würde, um bei Volker zu sein. Zu aufgelöst, um selber fahren zu können, rief ich ein Taxi. Mein nächster Anruf galt meinem Klienten, dem ich mitteilte, dass ich unseren Termin verschieben müsse, da Volker im Sterben läge.

Als ich dem Taxifahrer mein Ziel nannte, war er voller Mitgefühl und erzählte mir, seine Großmutter sei in genau dieser Klinik gestorben. Ich sagte, das täte mir leid. Tatsächlich fühlte ich nichts. Keine Angst. Keine Trauer. Nur ein immer wiederkehrender Gedanke: Volker stirbt.

Als ich sein Zimmer betrat und mich über ihn beugte, um leise mit ihm zu reden, begrüßte er mich mit schwacher Stimme.

„Du bist da. Wie schön. Was machst Du hier so früh?”

 Ich sagte ihm, ich sei gekommen, um bei ihm zu bleiben. Von diesem Moment an bis zu dem Zeitpunkt, an dem er sein Bewusstsein endgültig verlor, verständigten wir uns, indem ich seine Hand hielt und leise zu ihm sprach oder – und ich habe keine Ahnung warum mir das wichtig war, doch offensichtlich war es immens wichtig – ein Lied für ihn sang, das wir beide sehr liebten.   

Volker antwortete, indem er meine Hand drückte und wenn ich leise für ihn sang, lächelte er. Die wenigen Worte die er bei meiner Ankunft gesprochen hatte, sollten seine letzten gewesen sein.

In den folgenden 12 Stunden, bevor Volker seinen letzten Atemzug tat, befand ich mich in einem Zustand vollkommener Präsenz. Meine Welt bestand aus einem stillen Raum, den ich teilte mit Volker, unserer Freundin Petra und für eine Weile auch deren Mann Markus. Ich erinnere mich an einen bestimmten Satz, den ich in unregelmäßigen Abständen in Volkers Ohr flüsterte.

„Du kannst loslassen.”

Woher kamen diese Worte?

Warum musste ich sie wie unter Zwang ständig wiederholen?

Wenige Tage nach Volkers Tod fand ein Treffen der Berliner Super Gruppe (ehemals Strategiekreis Architekten) statt. Es war mir keinen Moment in den Sinn gekommen, unser Treffen abzusagen. Ich wollte unsere Klienten unbedingt treffen. Sie alle kannten Volker seit einigen Jahren. Manche von ihnen hatten bereits mit ihm gearbeitet, bevor ich seine Geschäftspartnerin geworden war.

Als wir uns an dem vereinbarten Freitag trafen, einigten wir uns darauf, die ersten Stunden damit zu verbringen, über Volker zu reden und über alles, was uns angesichts seines Todes bewegte. Mir kamen die Worte in den Sinn, die ich wie ein Mantra an seinem Sterbebett wiederholt hatte. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich diese Worte mit der gleichen Überzeugung an mich selbst gerichtet hatte, mit der ich sie auch an Volker gerichtet hatte.

An diesem sonnigen Freitagmorgen in Berlin, als wir alle zusammensaßen und uns unsere Gefühle und Gedanken mitteilten, wurde mir bewusst, dass auch ich begonnen hatte, loszulassen.

 

Ein Blick zurück.

Volkers und meine Zusammenarbeit nahm ihren Anfang 2011, als ich zum ersten Mal einen Strategiekreis als Co-Moderatorin begleitete.

Unsere Liebesbeziehung begann, lange bevor es uns beiden bewusst wurde.

Als ich Volker kennenlernte, arbeitete ich zusammen mit meinem damaligen Ehemann. Nach außen führten wir gemeinsam ein Architekturbüro. Von innen betrachtet waren wir vor allem Fachkräfte und dann noch Chef und ein bisschen Chefin. Es gab viele Diskussionen und Missverständnisse über unsere jeweilige  Zuständigkeit. Was uns fehlte, war der Blick von außen, ein Spiegel, in dem wir unsere eingefahrenen Muster hätten erkennen können.

Eines Tages leitete mein damaliger Mann eine E-Mail von Volker Eich an mich weiter. Es war eine Einladung in den Strategiekreis Architekten.

In der Zeit, als  es mir und meinem Mann nicht gelang unsere Rollen im Büro zu klären, begann ich, meine Aufmerksamkeit immer mehr auf Kommunikations- und Strategiethemen zu fokussieren. Ich war auf der Suche. Wonach genau, war mir damals noch nicht klar. Ich folgte instinktiv meiner inneren Führung. Eine wirkliche berufliche Veränderung kam in meiner Gedankenwelt damals nicht vor.  

Ein halbes Jahr später war ich Mitglied eines Berliner Strategiekreises. Inspiriert und unterstützt durch die Arbeit mit den Mitgliedern des Strategiekreises fand ich den Mut, mein Selbstbild zu hinterfragen. Ich entdeckte eine Gabe, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben zog und die ich bis dahin als viel zu gewöhnlich, auf keinen Fall als wertvoll, geschweige denn als meine Berufung angesehen hatte. Es fällt mir leicht, mich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihnen die Fragen zu stellen, die es ihnen ermöglichen, neue Perspektiven einzunehmen.

Die Atmosphäre des Strategiekreises, die große Offenheit und respektvolle  Ehrlichkeit, mit der wir einander begegneten, inspiriert und begleitet durch Volker, war eine völlig neue Erfahrung für mich und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, mich völlig frei ausdrücken zu können. Meine anfängliche Angst, nicht verstanden oder nicht ernst genommen zu werden, löste sich mit jeder Begegnung weiter auf.

Die Arbeit mit dem Strategiekreis fühlte sich leicht an. Sie gab mir Kraft und erfüllte mich auf eine bis dahin nicht gekannte Art und Weise. Wiederholt kam in mir der Gedanke auf, dass ich am liebsten immer genau so arbeiten würde.

Als mich Volker nach dem zweiten Strategiekreis fragte, ob ich ihm als Gesprächspartnerin bei der Entwicklung seines Buches – STRATEGIEBUCH FÜR ARCHITEKTEN– zur Verfügung stehen würde, sagte ich ohne zu zögern ja.

Das war der Beginn unseres intensiven Austauschs, der bis zu seinem Tod nicht mehr abbrechen sollte.

Unser Wunsch nach Austausch und die Neugier auf den Anderen, wuchsen mit jeder Mail, die wir einander schrieben. Drei Monate nach unserer letzten Begegnung im Strategiekreis trafen wir uns wieder, Volker und ich, nur wir beide.

Von da an entwickelten sich die Dinge rasant.

In den folgenden sechs Monaten nahm ein schmerzhafter, seit einigen Jahren andauernder Prozess sein Ende. Mein Mann und ich entschieden uns, uns zu trennen. Ich verließ unser gemeinsam geführtes Architekturbüro und bearbeitete selbständig kleinere Aufträge, so lange ich nicht wirklich wusste, wie es für mich weitergehen sollte. Außerdem machte ich den ersten entscheidenden Schritt, der mich in meine berufliche Zukunft führte. Ich begann die Ausbildung zum NLP Practitioner, die ich im Jahr darauf erfolgreich abschloss. Im Herbst 2010 zog ich nach Berlin. Im folgenden November trat ich meinen - wie sich später herausstellen sollte - letzten und lehrreichsten Job in meiner Architektenlaufbahn an.

2011 gründete Volker den Kölner Strategiekreis, der erste Kreis, den ich als Co- Moderatorin begleitete. Als er mich im Jahr darauf fragte, ob ich seine Geschäftspartnerin werden wollte, hatte ich mich noch nicht vollständig von meiner Architektinnen-Identität gelöst. Ich moderierte mittlerweile gemeinsam mit ihm die Strategiekreise  München, Köln und Berlin und arbeitete gleichzeitig noch in einem großen Berliner Planungsbüro als Qualitätsmanagementbeauftragte und war dort auch zuständig für die PR und VOF Bewerbungen.

Meine Erfahrungen aus der zwei Jahre andauernden Tätigkeit in diesem Unternehmen, sowie meine Erfahrungen aus der Führung eines Architekturbüros bildeten die Basis für den Ausbau unseres Geschäftsfeldes.

Volker arbeitete zu der Zeit intensiv am STRATEGIEBUCH FÜR ARCHITEKTEN. In seine Texte flossen neben seinen Erfahrungen als Architekt und Coach für Architekten auch unser Austausch und meine Erfahrungen als Architektin und Qualitätsmanagementbeauftragte. Es war eine Zeit intensiver Zusammenarbeit, ein nicht endender Austausch von wertvollen Erfahrungen und Inspirationen. Wir fühlten uns aus eigener, zum Teil freud- zum Teil auch leidvoller Erfahrung berufen, Architekten und Architektinnen auf ihrem Weg zur Unternehmerin/zum Unternehmer zu begleiten.

Eines Abends saßen wir zusammen und ich erzählte von meiner frustrierenden Arbeit als QM Beauftragte. Ich sprach über die beiden Chefs des Unternehmens, die keine Lust verspürten, ihre Unternehmerrollen anzunehmen. Als ich wenig später über die Sinnlosigkeit von Verfahrensanweisungen redete, von denen sich nahezu alle Mitarbeiter des Unternehmens gegängelt fühlten, hielt ich plötzlich inne.  

„Es muss doch auch anders gehen. Warum kann die Arbeit an der Entwicklung des eigenen Unternehmens nicht Freude machen? Viele Architekten und Architektinnen lieben es, zu entwerfen. Sie haben diesen Beruf gewählt, weil sie kreativ sein wollen. Warum macht es ihnen dann keinen Spaß, ihr Unternehmen zu entwerfen? Wie kann die Arbeit an der Entwicklung des eigenen Büros Spaß machen?”

Es wurde ein sehr langer Abend, an dessen Ende wir von dem glücklichen Gefühl erfüllt waren, etwas, bisher in dieser Form nicht da gewesenes, ins Leben gerufen zu haben. 

Das war die Geburtsstunde unseres Mentor Programms. Und natürlich taten wir das Naheliegende zuerst. Wir begannen, unser eigenes Unternehmenshandbuch zu verfassen. Heute, vier Jahre nachdem unser erster Kunde das Mentor Programm durchlaufen hat, haben weitere 16 Architekten und Architektinnen mit Volkers und/oder meiner Unterstützung und Begleitung das Modell Ihres Unternehmens entworfen und entwickeln es kontinuierlich weiter. Andere entschieden sich, lediglich das Arbeitsbuch Mini Mentor zu kaufen. Ich hoffe und wünsche all den Architekten, die alleine ihr Unternehmenshandbuch mit Hilfe des Mini Mentors entwickeln, dass sie es mit der gleichen Freude tun, mit der Volker und ich einst das Format entwickelt haben und dass sich auf ihrem Weg zum Unternehmer - Architekten spürbare Entwicklungen und Erfolge einstellen.

2012 war ich dann soweit, den nächsten, wichtigen Schritt zu tun. Ich verließ das Berliner Unternehmen und konzentrierte mich auf das, was ich aus tiefster Überzeugung und von ganzem Herzen tun wollte. Meine Stärke ist es, in Beziehung zu treten und andere Menschen dabei zu unterstützen, sich selbst zu erkennen und ihr Potential auszuschöpfen.

Als ich mit unseren Klienten der Berliner Super Gruppe (ehemals Strategiekreis Architekten) wenige Tage nach Volkers Tod zusammen saß, kam auch die Frage auf, ob und wenn ja, wie es denn nun weitergehen würde.

 „Wie ist das denn überhaupt jetzt? Wie kannst Du weitermachen? Ich stelle mir das unglaublich schwer vor. Es ist ja nicht nur Dein Geschäftspartner, der gestorben ist. Du hast auch Deinen Mann verloren.”

 Ich hatte mir die gleichen Fragen auch gestellt und ich war froh, dass sie hier und jetzt zur Sprache kamen.

Als Volker starb, hatte er zwei Jahre in dem Bewusstsein gelebt, dass er sehr krank war und dass er, wenn er nicht innerhalb dieser zwei Jahre eine Lungentransplantation durchführen ließe, sterben würde. Die Wahrscheinlichkeit seines frühen Todes begleitete uns also von dem Moment an, in dem er die Nachricht über den unausweichlichen Verlauf der Krankheit erhalten hatte.

Seine spontane Reaktion war, eine Transplantation kommt nicht in Frage. Und dabei blieb er.

Der Anruf des Arztes am 20. März 2017 war nicht überraschend und trotzdem war er schockierend. Ich hatte mich zwei Jahre auf diesen Moment vorbereitet, ohne ein wirkliches Bewusstsein dafür entwickelt zu haben.  

Wie bereitet man sich auf den Tod eines geliebten Menschen vor?

Ich hätte es vor Volkers Tod nicht ausdrücken können. Heute weiß ich, jeder Tag, jede Begegnung, jedes Wort, das wir an einen anderen Menschen richten, ist Teil unserer Vorbereitung auf die Vollendung unserer Lebenszeit.

Dieses Bewusstsein lässt mich jede Beziehung, in die ich mich begebe, seien es private Kontakte, seien es Kontakte mit Klienten, intensiver erleben. Wahrhaftig in Kontakt zu sein, ist ein Geschenk, das wir Menschen uns immer wieder aufs Neue machen können. Wir alle haben eine Gabe von unschätzbarem Wert. Wir können empathisch sein. Nichts anderes als Angst hält uns davon ab, wahrhaft in Kontakt zu treten. Indem wir diese Angst überwinden, lernen wir loszulassen. Wenn wir uns erlauben, auszudrücken, was uns bewegt, wenn wir in uns Türen öffnen, die wir aus Angst vor Verletzung lieber verschlossen halten, erleben wir unmittelbar, was es bedeutet, loszulassen. Indem wir lernen, im Inneren loszulassen, erleben wir, dass wir auch im Außen loslassen.

Nach Volkers Tod begann ich, unsere gemeinsame Arbeit ganz und gar zu meiner zu machen. Auch wenn wir die gleiche Arbeit getan haben, so waren wir doch beide einzigartig in der Art und Weise, wie wir sie getan haben. Wir ergänzten uns und lernten voneinander.

Was ich loslassen musste, war die Gewissheit, einen Partner an meiner Seite zu haben. Was ich bewahre, ist Volkers Vermächtnis und das gemeinsam Erschaffene. Jetzt gehe ich voran, voller Freude darüber, dass das, was Volker einst in die Welt gebracht hat, weiter besteht, sich durch mich transformiert und sich stetig weiter entwickelt.  

Am 21. März 2017 hat Volker unsere Welt verlassen. Mit jedem Tag, den ich ohne ihn verbringe, lasse ich ein Stück weiter los und verliere doch nichts. Ich vermisse ihn und ich fühle mich gleichzeitig reich beschenkt.