SPEAK YOUR MIND

Erinnerst Du Dich noch an den Satz, mit dem sich Maria aus unserer letzten Coachingsitzung verabschiedete, nachdem sie Bens Geschichte gehört hatte?

„Eigentlich ist es doch ganz einfach. Oder?˝

Mir kommt dieser Satz spontan in Erinnerung, als ich sie zu unserem nächsten Gespräch begrüße.

„Willkommen Maria. Wie ist es Dir ergangen seit unserer letzten Begegnung?˝

Naja, durchwachsen, würde ich sagen. Als ich am nächsten Tag ins Büro kam, war ich voller Tatendrang. Ich dachte, ich werde schon die richtigen Worte finden, wenn es um Vereinbarungen geht, die ich künftig mit meinen Mitarbeitern treffen möchte. Doch gleich der erste Versuch ging so richtig daneben.˝

„Was ist passiert?˝

Es fing eigentlich ganz vielversprechend an. Ich habe dem besagten Mitarbeiter dargelegt, welche Konsequenzen der versäumte Abgabetermin hatte. Ich habe ihm erzählt, wie der Bauherr reagiert hat, als ich mit ihm gesprochen habe, um die Dinge wieder gerade zu rücken. Dann habe ich meinen Mitarbeiter gefragt, wie er in Zukunft mit dem Thema Terminarbeiten umgehen möchte.˝

Hast Du sonst noch etwas gesagt?˝

Maria strahlt mich an und aus ihrer Stimme klingt Stolz als sie antwortet,

„Nein. Ich habe nach meiner Frage bewusst den Mund gehalten und abgewartet, wie mein Mitarbeiter reagiert.˝

Wie hat er reagiert?˝

„Er begann mit einer Entschuldigung. Das fand ich gut. Ich war natürlich aufgeregt, hatte Befürchtungen, dass er gleich wieder in die Offensive gehen würde und habe ganz bewusst erst einmal von mir geredet, also, wie es für mich gewesen ist, den Bauherren beschwichtigen zu müssen. Was dann von ihm kam, waren wieder Ausflüchte und Erklärungen, warum er den Termin nicht einhalten konnte und so weiter.˝

„Und was passierte dann?˝

„Dann wurde ich sauer. Da wärest Du auch wütend geworden, wette ich.˝

„Ich finde es großartig, dass Du gleich nach unserem Termin das Gespräch mit Deinem Mitarbeiter gesucht hast. Und dann ist es nicht so gelaufen, wie Du es Dir gewünscht hast. Wer oder was hat Dich wütend gemacht?˝

Anstatt zu antworten schüttelt Maria heftig den Kopf.

„Der Kunde war sauer. Mein Mitarbeiter war stur. Es wäre fahrlässig gewesen, ihn die Suppe auslöffeln zu lassen. Er hätte es wahrscheinlich nur noch schlimmer gemacht. Es ist mir ja zum Glück gelungen, den Bauherrn zu beschwichtigen. Das hat zwar Zeit und Nerven gekostet und die berühmte Faust in der Tasche habe ich auch machen müssen. Aber am Ende war alles wieder soweit okay zwischen uns. Aber sowas ist dann selbstverständlich. Da kommt keiner und sagt, hey Maria, super gemacht. Danke.˝

„Du hast in diesem Fall zum Einen etwas getan, das hilfreich war. Du hast Deinen Kunden beruhigt. Das hast Du sehr gut hinbekommen. Und es hat Dich Nerven gekostet. Dann hast Du etwas getan, das nicht hilfreich war. Das Gespräch zwischen Dir und Deinem Mitarbeiter verlief nicht mehr so, wie Du es Dir gewünscht hast ab dem Moment, in dem Du ihn gefragt hast, wie er in Zukunft mit dem Thema Terminarbeiten umgehen möchte. Richtig?˝

„Warte mal. Es ist, als hätte ich gerade ein fettes Brett vor dem Kopf. Ich bin ehrlich gesagt frustriert.˝

Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, den Kontakt zu Maria und zu mir selbst zu verlieren. Ich kann das von ihr zitierte Brett vor dem Kopf spüren, als wäre es auf wundersame Weise von ihr zu mir gewandert. Um den Kontakt wiederherzustellen schaue ich Maria eine Weile schweigend an. 

„Mir erscheinst Du eher wütend. Ist da was dran?˝

„Ganz ehrlich?˝

 Ich hole kurz Luft, öffne den Mund...

und Maria sagt, „ Okay. Ja, ich bin verärgert. Ich verstehe nicht, worauf Du hinaus willst.˝

Was passiert gerade?˝

Ich weiß es nicht genau. Ich fühle mich, als würde ich bestraft, weil ich etwas falsch gemacht habe. Du sagst, das Eine war richtig und das Andere war falsch. Ich glaube, das ist es, was mich ärgert.˝

„Es besteht ein Unterschied zwischen richtig bzw. falsch und hilfreich bzw. nicht hilfreich. Nichts an dem, was Du tust, ist falsch. Du tust, was Du tust, Punkt. Die Frage ist also, wie hilfreich war das zweite Gespräch mit Deinem Mitarbeiter in Bezug auf das von Dir gewünschte Ergebnis, eine Vereinbarung zu treffen?˝

Während wir reden hat Maria den Blickkontakt zu mir abgebrochen. Sie sitzt mir mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf gegenüber, den Blick fest auf einen Punkt am Boden fixiert.

Nach meinen letzten Worten hebt sie den Kopf und sieht mich an. 

„Bist Du jetzt auch sauer?˝

„Sollte ich sauer sein?˝

 „Ich weiß nicht. Ich wär´s wohl an Deiner Stelle.˝

„Maria, hast Du eine Ahnung, worauf ich hinauswill, wenn ich sage, etwas, das Du getan hast, war hilfreich bzw. nicht hilfreich?˝

„Ja, eigentlich schon. Ich weiß auch nicht, was mich da gerade reitet? Ich bin da wohl in meinem ganz eigenen Film unterwegs. Ich fühle mich angegriffen.˝

„Und tatsächlich ist es auch so, dass Du angegriffen wirst.˝

 „Was? Jetzt versteh´ ich gar nichts mehr. Du hast mich doch gerade darauf aufmerksam gemacht, dass Du etwas ganz anderes gesagt hast, als ich gehört habe. Und ich muss Dir Recht geben. Du hast mich nicht angegriffen.˝

„Wer hat Dich stattdessen angegriffen?˝

Sie schaut mich fragend an. Ich kann sehen, wie es in ihr arbeitet.

„Ja, dann wohl, also wahrscheinlich...wie kann das sein? Ich selbst.˝

„Wie hast Du das gemacht?“

„Ich bin nicht sicher. Ich glaube, es hat etwas mit meinem Perfektionismus zu tun. Ich habe meistens eine genaue Vorstellung davon, wie etwas zu laufen hat. Das schliesst mein eigenes Denken und Handeln ein. Und wenn es dann nicht so läuft.... Aber das hatten wir doch alles schon. Sind wir jetzt wieder bei Null angekommen? Das kann doch nicht sein!“

„Oh, ich bin sicher, dass Du weit über Null hinaus bist. Etwas in Dir will vorwärts, will Veränderung und gleichzeitig hält Dich etwas zurück, will das Alte bewahren. Was Dir gerade begegnet, ist Deine eigene Strenge und diesmal trifft sie mitten ins Schwarze. Sie trifft Dich. Du spürst, dass Du Deinen hohen Ansprüchen an Dich selbst eben auch nicht immer gerecht wirst, zum Beispiel, indem Du die Vereinbarungen, die Du mit Dir selber triffst, nicht einhältst. Ich vermute, das macht Dich wütend.˝

„Okay, kann sein. Welche Vereinbarung mit mir selbst habe ich denn jetzt nicht eingehalten?˝

„Lass uns noch einmal an den Anfang unseres Gesprächs zurückgehen. Du hast einen wichtigen Satz geäussert. Du hast gesagt:

Ich werde schon die richtigen Worte finden, wenn es um Vereinbarungen geht, die ich künftig mit meinen Mitarbeitern treffen möchte.

Dann bist Du voller Elan losgegangen mit dem Vorsatz, eine Vereinbarung zu treffen. Erinnere Dich, eine Vereinbarung ist immer eine Verantwortung, die alle Beteiligten tragen. Du hast Dich in dem zweiten Gespräch auf eine Situation bezogen, zu deren Misslingen Du maßgeblich beigetragen hattest, da Du mit Deinem Mitarbeiter keine Vereinbarung getroffen hattest. Was es gab und was nun in diesem zweiten Gespräch immer noch im Raum stand, war Deine Erwartung, die er erfüllen sollte. Erinnerst Du Dich an unser Gedankenspiel im letzten Gespräch? Weißt Du noch, was Du gesagt hast über das, was Du fühlst, wenn Dich jemand mit einer Erwartungshaltung konfrontiert. ˝

Marias Blick ist ein einziges Fragezeichen. Ich stehe auf und lade sie ein, mit mir ans Fenster zu treten. Nach einem Moment tiefer Stille, in dem ich meine ganze Aufmerksamkeit auf Maria richte, die jetzt direkt neben mir steht, sage ich,

„Was Du jetzt vor allem brauchst, Maria, ist Selbstvertrauen und eine klare Vorstellung darüber, wer Du sein willst. Wenn Dich zum Beispiel meine Äusserungen wütend machen, dann ist Deine ganze Aufmerksamkeit gefragt. Du darfst Dich an dieser Stelle fragen: kommt mir das gerade Erlebte bekannt vor? Woran erinnert es mich? Was verbirgt sich hinter meiner Wut?˝

Maria wendet sich mir langsam zu. Den Blick weiterhin in die Ferne gerichtet, wiederholt sie leise,

„Was verbirgt sich hinter meiner Wut?˝

Wir gehen zurück zu unseren Plätzen. Maria lässt sich in den Sessel fallen, legt beide Arme auf die Lehnen und als sie mich anschaut, ist auch der letzte Funke von Wut aus Ihren Augen verschwunden.

Ich frage, „Was ist jetzt anders im Vergleich zu dem Moment, in dem Du wütend wurdest?˝

„Die Wut fühlt sich an wie etwas, das sich auf mich legt, wie eine schwere Decke. Sie belastet mich und ich will sie einfach nur loswerden. Jetzt fühle ich mich eher traurig. Mit der Traurigkeit ist es irgendwie anders. Es ist, als würde etwas in mir aufbrechen und dann ist es zwar auch noch nicht leicht, aber es fühlt sich nicht mehr beengend an. Zu meiner Traurigkeit habe ich Zugang. Meine Wut macht mich eher blind und verschlossen. Besser kann ich es nicht ausdrücken.˝

„Ich verstehe. Du hast eben von Deinem Perfektionismus gesprochen und Du hast geschildert, was Dich wütend macht. Dein Plan ist, zukünftig Vereinbarungen mit Deinen Mitarbeitern zu treffen. Bevor Du das tun kannst, musst Du Dir im Klaren darüber sein, was Du willst, bezogen auf das Ergebnis, das Eure Vereinbarung beinhaltet. Du beginnst, Deine eigene Verantwortung zu sehen, anzunehmen und zu erkennen, welche Verantwortung Du Deinen Mitarbeitern übertragen möchtest. Die Wut, die Du spürst, ist ein Ausdruck Deiner Angst. Deine Angst, nicht ernst genommen zu werden, enttäuscht zu werden oder alleine alles tragen zu müssen, hat in dem Moment keinen Nährboden mehr, in dem Du Dich selbst ernst nimmst.˝

„Wenn Du das sagst, klingt es immer so, als wäre es ganz einfach. Aber ich weiß ja spätestens seit dem verunglückten Gespräch mit meinem Mitarbeiter, dass es das nicht ist. Ich weiß ja im Voraus nie, wie mein Gegenüber reagiert.˝

„Genau. Und weil Du das nie wissen kannst, ist das Beste, was Du tun kannst, Dich auf das zu konzentrieren, was Dein Anliegen ist. Wenn Du Dir vornimmst, eine Vereinbarung mit einem Mitarbeiter zu treffen, musst Du vorher eine Vereinbarung mit Dir treffen. Was möchtest Du mit Dir vereinbaren?˝

„Ich glaube, ich kann das am Besten an einem Beispiel beschreiben. Also, nehmen wir an, es geht genau darum, dass ich einem Mitarbeiter eine Aufgabe gebe, die zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt sein muss. Meine Vereinbarungen mit mir sind dann: Ich werde das gewünschte Ergebnis klar kommunizieren. Das Wichtigste ist, dass wir am Ende des Geprächs eine wirkliche Übereinkunft getroffen haben. So nach dem Motto Hand drauf oder Hand aufs Herz oder so.˝

Als ich sie fragend anschaue, sagt sie

"Ich meine das total ernst.˝

und lehnt sich zufrieden in ihrem Sessel zurück. Für einen Moment herrscht Stille. Dann verfinstert sich ihr Blick. Sie schlägt sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel.

„Alles schön und gut. Aber im wahren Leben ist es nicht immer so einfach. Was mache ich, wenn er sich nicht an unsere Vereinbarung hält?˝

„Gute Frage. Was machst Du dann?˝

„Dann ist alles so wie vorher. Ich werde sauer und ärgere mich, dass ich mal wieder viel Zeit mit Reden verschwendet habe und doch nichts erreicht habe.˝

 „Sprach die Maria, die sich selbst nicht ernst nimmt. Doch jetzt ist etwas anders. Richtig? Jetzt weißt Du um Deine Möglichkeiten und deren Konsequenzen. Du könntest Deinen ganzen Frust wahlweise an Deinem Mitarbeiter auslassen oder an Dir selbst. Es ist anstrengend, Dich auf sinnlose Diskussionen mit Deinem Mitarbeiter einzulassen. Es ist kräftezehrend,  Dich in Selbstvorwürfen zu ergehen. Wenn Du tief in die Szene, die Du beschreibst eintauchst, dann erkennst Du vielleicht den Teufelskreis, in den sie Dich führt. Wenn Du Dir jedoch bewusst machst, dass Du Deinen spontanen Gefühlen nicht ausgeliefert bist, sondern dass Du eine Wahl hast, dann öffnet sich ein neuer Raum. Wie reagiert die Maria, die Du sein möchtest, wenn Dein Mitarbeiter sich nicht an Eure Vereinbarung hält?˝

„Also, wenn er einen triftigen Grund hat, mich also rechtzeitig informiert, so dass wir ohne Not eine neue Vereinbarung treffen können, dann denke ich, kann man das machen. Manchmal treten unverhoffte Ereignisse auf und dann...˝

„Das meine ich nicht. Nehmen wir an, Dein Mitarbeiter hält sich ohne Not nicht an das, was Ihr vereinbart habt. Was dann?˝

„Dann wird deutlich, dass er weder sich noch mich ernst nimmt. Ich denke, dann trenne ich mich von dem Mitarbeiter. Naja, wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich, dass mir das schwerfallen wird. Ich führe also erst noch ein Gespräch mit ihm, in dem ich ihm klar mache, dass ich sein Verhalten nicht dulde. Ich mahne ihn ab. Letzte Chance sozusagen.˝

„Wie fühlt sich das an?˝

Maria lacht. „Viel besser. Leichter. Ich weiß, das klingt vielleicht wieder so daher gesagt, wie bei unserem letzten Treffen, als ich meinte, eigentlich ist es ganz einfach. Doch etwas ist heute anders als damals. Ich weiß jetzt, dass es nicht immer einfach ist. Es ist zum Teil echte Arbeit, etwas an mir zu verändern, wo doch das Alte so gewohnt ist.  Es ist verrückt, ich wusste auch vorher schon, dass ich etwas an meinem Verhalten ändern muss, wenn sich wirklich etwas verändern soll. Aber das war alles nur in meinem Kopf. Weißt du, wie ich das meine?˝

Jetzt muss ich lachen. 

„Ich kann es nur vermuten. Wie meinst Du es denn?˝

„Also, vielleicht kennst Du das ja auch. So lange man etwas nur im Kopf hin und her bewegt und angestrengt darüber nachdenkt, wie man ein Problem angehen will, so lange ist man nicht wirklich in Kontakt mit den eigenen Gefühlen. Ich habe heute im Gespräch mit Dir aber gefühlt, dass mein Ärger nur eine Art Decke ist. Ich habe gefühlt, was sich darunter verbirgt. Es ist tatsächlich Angst. Und, was ganz wichtig ist, Ich habe eine Seite von mir erkannt, die ich gleichfalls bisher unterdrückt habe. Die liegt vermutlich noch eine Etage tiefer, unter der Angst˝

„Jetzt bin ich neugierig. Erzähl mir mehr über diese Seite von Dir.˝

Maria zögert. Auf Ihren Wangen breitet sich eine leichte Röte aus.

„Naja. Eigentlich bin ich mutig. Ich habe das deutlich gespürt, als ich eben gesagt habe, dass ich mich von so einem Mitarbeiter trennen muss.  Ich sag das jetzt nicht gerne, aber es ist die Wahrheit. Ich habe Angst davor, abgelehnt zu werden.

Das Offensichtliche war mir bis jetzt aber nicht klar. Ich habe nie gesehen, dass ich, umso mehr abgelehnt werde, je mehr ich rumeiere, nicht klar bin und mich auf Machtspiele einlasse. Mir fallen auf einmal jede Menge Ereignisse ein, in denen ich mir selbst und auch den Anderen im Weg stand, weil ich Angst hatte, ich selbst zu sein.˝

Wenige Minuten nachdem Maria sich von mir verabschiedet und die Tür hinter sich geschlossen hat, klopft es. Noch bevor ich reagieren kann, öffnet sich die Tür und Marias Kopf erscheint.

„Hör mal, das muss ich jetzt noch loswerden. Ich habe das Gefühl, heute wirklich was geschafft zu haben. Was ich sagen will, ist, es fühlt sich gut an und ich will da dranbleiben, weil ich ziemlich sicher bin, dass es sich lohnen wird. Ich meine, wie kann es anders, sein, wo es sich doch so richtig anfühlt.˝