WENN ICH GLÜHWÜRMCHEN SEHE

von Volker Eich

Margret trug schwarze Kleidung und sie färbte ihre Haare schwarz, was ihrer äußeren Erscheinung einen Grundton von Traurigkeit verlieh. Im Gegensatz dazu strahlte ihr Gesicht die schiere Lebensfreude aus. Lachende Augen und ein knallroter Mund, oft von einem verschmitzten Lächeln umspielt. Margret war eine hübsche Frau und sie hatte ein sehr gewinnendes Wesen. Sie konnte lachen wie ein Kind und auf den ersten Blick schien sie keinerlei Berührungsängste zu haben. Es war dieser Widerspruch in ihrer äußeren Erscheinung, der ihr eine gewisse Unergründlichkeit verlieh.

Margret war Landschaftsarchitektin. Sie war 2009 in die Super Gruppe eingetreten, die damals noch Strategiekreis Architekten hieß. Insgesamt ist sie sieben Jahre geblieben. Es waren die letzten Jahre ihres Lebens.

Margret schien sich in unserem Kreis sehr wohlzufühlen. Ihre Kommentare waren meistens witzig und sie pflegte meine Moderatorenbeiträge durch zustimmendes Nicken, gelegentlich auch durch heftiges Augenrollen wortlos zu kommentieren. Von Anfang an nahm ich zwischen uns beiden eine von gegenseitiger Sympathie getragene Übereinstimmung wahr, die sich jedoch immer wieder in Luft auflöste, sobald Margrets persönliche Anliegen zur Sprache kamen, die sie selbst auf die Tagesordnung gesetzt hatte.

Margret war keine von denen, die die Welt verbessern wollen. Zumindest hätte sie das so in diesen Worten nie gesagt. Zwar hätte sie ganz gerne die Welt in einen Paradiesgarten verwandelt, aber in der Realität kämpfte sie den täglichen Kampf der Freiberuflerin, der die Fülle ihrer täglichen Aufgaben oft genug über den Kopf wuchs. Von ihrem Wesen her war Margret eine Einzelkämpferin, die sich praktisch ununterbrochen im Hamsterrad befand, zu beschäftigt um unternehmerische Ziele zu formulieren und zu erschöpft um eine zukunftsfähige Strategie für ihr Büro zu entwickeln. Margret wollte ihre Probleme lösen.

„Wie kann ich meine Mitarbeiter besser führen? Wie kann ich eine überzeugende Bildsprache für meine Wettbewerbsbeiträge entwickeln? Wie kann ich aufhören, es allen recht machen zu wollen und mehr Kontur zeigen? Wie kann ich einen zusätzlichen Mitarbeiter finanzieren? Wie kann ich meine Honorarforderungen besser durchsetzen? Wie kann ich konzeptioneller arbeiten?“

An einem Sonntagnachmittag ging ich mit Elke Anna spazieren und wir kamen an dem kleinen Ladenlokal vorbei, in dem Margret ihr Büro hatte. Da saß sie nun in ihrem Schaufenster, tief versunken in ihre Akten. Wir blieben stehen und schauten ihr zu. Als sie uns schließlich bemerkte, schienen ihre strahlenden Augen zu sagen, Ihr seid meine Rettung. Ein paar Minuten später saßen wir in einem Café in der Nähe. Wie geht es Dir denn so? Na ja, Ihr sehr ja selbst, ich sitze sonntags im Büro. Aber erzählt mal von Euch. Wie geht es Euch? Viel mehr war da nicht zu erfahren. Margret war zugewandt, aber sie gab nicht gerne etwas von sich preis.

Wenn wir in der Super Gruppe Margrets Themen besprachen, wurde meine Moderation oft von heftigen Trotzreaktionen ausgehebelt. Meine Neugier schien eine Bedrohung für Margret zu sein und es ist mir nicht leicht gefallen, einen angemessen Umgang mit ihrer Angst zu finden. Margret wusste das und obwohl ich viel zu oft ihre Grenzen verletzte, wußte sie meine Bemühungen sehr wohl zu schätzen. In der Pause schien dann wieder alles vergessen. Manchmal presste sich Margret auch ein paar erklärende Worte ab, aber meistens ging sie ohne Umschweife zum unbeschwerten Small Talk über.

Margret verfügte über ein natürliches Talent zu Flirten und Hans war ihr ideales Zielobjekt. Der wurde bei jeder sich bietenden Gelegenheit umgarnt und was ihn als ideales Zielobjekt qualifizierte, war die einfache Tatsache, dass er sich vollkommen unbeeindruckt gab. Er merkte nichts oder er zeigte nicht, dass er etwas merkte. Frau bemüht sich um Mann - Mann ignoriert Frau. Diese Konstellation schien Margret besonders anzuziehen.

Margret beschäftigte sich mit der Frage nach Authentizität. Ich würde gerne zu einem authentischerem Leben von Menschen beitragen. Ich möchte gerne herausfinden, wie Gärten, Parks und Schulhöfe gestaltet sein müssten, um das Gefühl "hier ist es richtig" auszulösen. Mich begeistert die Vorstellung, Orte zu schaffen, die in der Lage wären, das Wesentliche von Menschen zu wecken, Gefühle und Gedanken zuzulassen, die Unnötiges abwerfen und ein klares und authentisches Ich zu finden. Das ist mein ewiges Suchen - und deshalb hat das was mit mir zu tun. Diese Sehnsucht kann nicht nur die meine sein.“

Margret war auf einem Bauernhof großgeworden und die Eindrücke der Natur haben ihre inneren Bilder und ihre Gefühle geprägt. Irgendwann kam diese wunderbare Weihnachtskarte, die ich leider nicht mehr finden kann. Vor dem Hintergrund einer Fotografie hatte Margret ihre inneren Bilder und ihre Träume zu einer Wortwolke komponiert. Wahrscheinlich geht mir jetzt ein klein wenig die Phantasie durch, aber in meiner Erinnerung standen da Sachen wie: romantische Begegnung im Rosengarten, Festtafel mit Lampions im Olivenhain, Schmetterlinge im hohen Gras, flirrende Hitze am Swimming Pool, Gesang der Lerche über der Heide, schattige Laube im Staudengarten, Glühwürmchen am Waldesrand. Ich war tief berührt von der Poesie dieser Bilder und kurz darauf stellte Margret die Frage aller Fragen.

„Was ist mir wichtig? Ich möchte wissen, wofür ich stehe und ich möchte das besser darstellen. Was sind eigentlich die Inhalte, die ich in der Außendarstellung meines Büros vermitteln möchte? Ich möchte gerne wissen, ob meine emotionale Art der Vermittlung die richtige ist.“ Mir fiel wieder die Weihnachtskarte mit den Glühwürmchen ein. Für mich war diese Art der Vermittlung genau die richtige.

Im März 2015 hatte Margret aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Super Gruppe teilgenommen und im darauf folgenden September sprach sie ein Thema an, dessen Tragweite wir zu diesem Zeitpunkt nur ahnen konnten.

„Wie kann ich mit Krankheit umgehen? Gesundheit ist die Basis für alles andere. Das merkt man erst, wenn da etwas nicht stimmt. Ich möchte nicht im Einzelnen über die Art meiner Erkrankung sprechen! Ich habe mich sehr bemüht, meine Einschränkungen für Kunden unsichtbar zu halten, aber ich konnte meinem Selbstbild – vital und voller Energie – nicht gerecht werden. Ich bin überzeugt davon, dass Schwäche und gar Krankheit von Kunden nicht gewünscht sind. Ein Kunde wünscht sich die Erfüllung seiner Aufgaben und ich stelle mir vor, dass Schwäche das Vertrauen in die Fähigkeit der Aufgabenerfüllung beeinträchtigt. Welche Einschränkungen kann ein Kunde hinnehmen, ohne zu überlegen, ob ich noch geeignet bin, seine möglicherweise längerfristigen Aufgaben zu übernehmen?“

Wir haben sofort begriffen, in welcher großen Not sich Margret befand, aber wir sind nicht auf ihr Erklärungsmuster eingestiegen. Irgendwie ist es uns gelungen, sie davon zu überzeugen, dass wir uns sehr wohl für ihre Krankheit interessieren würden, wenn wir ihre Auftraggeber wären. Vor allem aber würden wir hier in der Super Gruppe wissen wollen, was los ist, wenn eine von uns schwer krank ist.

Und dann geschah ein Wunder. Margret öffnete sich. Sie sprach von ihrer Krebserkrankung und von ihrer Behandlung, von ihrer Angst und von ihrer Hoffnung. Mit jedem Satz, den sie aussprach, wurde spürbar, wie sich Erleichterung im ganzen Raum ausbreitete. Seit ihrem Eintritt in die Super Gruppe hatte Margret zum ersten Mal etwas gewagt. Und sie wurde auf der Stelle für ihren Mut belohnt, denn zwischen uns allen entstand eine Verbundenheit, die wir so vorher noch nie empfunden hatten. Das hätte ein Anfang sein können, ein Neubeginn, dachte ich. Aber meine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Dies sollte unsere letzte Begegnung gewesen sein.

Im März 2016 nahm Margret nicht mehr an unserem Treffen teil. Sie ging lieber in eine Meditationsgruppe um ihre Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Verständlich. Im Juni erhielten wir eine Todesanzeige von ihrer Familie. Ich hatte das erwartet, aber als es dann so weit war, war es trotzdem ein Schock. Im September haben wir in der Super Gruppe Abschied von Margret genommen. Jeder von uns hat erzählt, wie er Margret in Erinnerung behalten hat.

Liebe Margret, ich hoffe, dass Deine Seele Frieden gefunden hat. Wenn ich Glühwürmchen sehe, denke ich an Dich.