WENN DEIN GANZER KÖRPER AUFMERKSAM IST

von Elke Anna Mehner

Johannas Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. Ich tippte auf eine Mischung aus Angst und Ungläubigkeit. Ich entschied mich, erst mal den Mund zu halten und abzuwarten. 

Wir hatten an diesem Tag unseren Skype-Termin wie üblich mit einer Rückschau auf die letzten beiden Wochen begonnen. Johanna war meine Kundin in unserem Mentor Programm. Wir arbeiteten seit 4 Monaten zusammen und waren nun nach den Kapiteln Gründungsmythos und persönliche Herausforderung bei dem Kapitel angekommen, in dem es darum geht, die eigene Mission zu formulieren.

Zwei Frage-Antwort-Runden per Mail zum Thema lagen bereits hinter uns. Jetzt saßen wir beide vor unseren Computern. Johanna in ihrem Büro, ich an meinem Arbeitstisch in meiner Wohnung – und wir schauten uns an. 

Meine Frage, „Wie ist es Dir in den letzten beiden Wochen mit der Arbeit am Thema Mission ergangen und worüber möchtest Du heute mit mir reden?“ 
hatte ganz offensichtlich etwas in Johanna ausgelöst, das ganz und gar gegen ihre sonstige Art auf eine Frage zu reagieren sprach.

Johanna war eigentlich begeistert von der Arbeit an ihrem Unternehmenshandbuch. Sie war offen und neugierig und bereit, neue Wege zu beschreiten. Wir waren bisher gut in Kontakt gewesen und hatten uns durch unsere Frage-Antwort-Runden und unsere Gespräche bewegt, wie zwei gut aufeinander abgestimmte Tänzer. Doch jetzt versenkte sie ihren finsteren Blick in die vor ihr stehende Kaffeetasse und ... schwieg. Lange. 

Der Impuls nachzufragen, was in ihr vorgeht war groß und es gelang mir, ihre Gedanken und Gefühle nicht zu unterbrechen, indem ich darüber nachdachte, dass Schweigen im rechten Moment, also das Aushalten von Stille, etwas war, das mir zu Beginn meiner Arbeit als Coach oft nicht gelungen ist und wieviele Erfahrungen mit Klienten es brauchte, bis ich gelernt hatte, meinen Mund zu halten, solange es in meinem Gegenüber heftig arbeitete.

Dann bemerkte ich, dass mein Blick ebenfalls wie hypnotisiert auf Johannas Kaffeetasse ruhte. Ich ließ ihn dort und wartete. Ihre Stimme hatte einen trotzigen Unterton als sie, den Blick unverwandt auf die Kaffeetasse geheftet, sagte,

„Ich bin nicht sicher, ob das, was ich da aufgeschrieben habe auch stimmt. Ich meine, was ist, wenn ich mir das alles nur ausdenke und tatsächlich ist es ganz anders?“ 

Ich lachte sie an und fragte,
„Wie fühlte es sich denn an, als Du es geschrieben hast?“ 

„Es fühlte sich schon ganz gut an.“ 

„Gut, im Sinne von richtig? Oder gut wie, super Idee, das könnte es sein?“ 

Johanna löste ihren Blick von der Kaffeetasse und sah mich an.  
„Es fühlte sich richtig an. Aber wie kann ich sicher sein? Es gibt so viele Möglichkeiten.“ 

„Eines ist sicher, Johanna, das weiß ich aus eigener Erfahrung, eine Mission ist nie eine Möglichkeit von vielen. Eine Mission ist schlicht und ergreifend nur das eine. Eine Mission. Take it or leave it. Die Welt der Möglichkeiten, von der Du hier sprichst, öffnet sich immer dann, wenn Du nicht weißt, wo Du hin willst, wenn Dir nicht klar ist, was Dich antreibt, wenn Du denkst: entscheide ich mich für das eine, dann verpasse ich das andere.“

Und plötzlich war sie wieder da, die Johanna, die ich kannte. Blick weg von der Tasse, hin zu mir. Sie grinste. 

„Weißt Du, was mich wirklich interessiert?“
„Ich bin gespannt.“ 

„Wie war das eigentlich bei Dir? Wie und wann hast Du herausgefunden, was Deine Mission ist?“

Nun war ich diejenige, die verstummte. Dabei war die Antwort auf Johannas Frage doch eigentlich ganz einfach. Trotzdem saß ich plötzlich ziemlich beklommen vor meinem Computer, blickte in ihr neugieriges Gesicht und fand nicht den richtigen Einstieg für meine Antwort.

Warum?

Mein erster Gedanke war: Ist es erlaubt, als Coach über sich selbst zu sprechen? War es nicht oberstes Gebot, bei der Klientin zu bleiben und dafür zu sorgen, dass auch sie bei sich bleibt? Ich stellte mir vor, wie ich die Frage zurückgab an Johanna und in diesem Moment überfiel mich die lähmende Beklemmung. Dann wurde mir klar, dass vor allem anderen die gelingende Beziehung zwischen Johanna und mir die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit war. Meine spontanen Gefühle zum Umgang mit Johannas Frage waren Offenheit und Bereitschaft gewesen. Ich entschied mich, diesem Gefühl zu folgen.

Meine Geschichte, also warum ich heute mit absloluter Sicherheit weiß, was mein Auftrag in dieser unserer Welt ist, steht seit langem schwarz auf weiß auf unserer Website. Bis ich jedoch endlich in wohlgeformten Sätzen formulieren konnte, wann und woran ich erkannt habe, worum es in meinem Leben geht, hatte ich Seiten über Seiten vollgeschrieben, oft ohne zu Beginn zu wissen, wo mich das Schreiben hin führt. Manchmal war ich verzweifelt gewesen weil ich, bevor ich mit dem Aufschreiben begonnen hatte, sicher war, dass ich ganz genau wusste, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Doch sobald ich meine Hände auf die Tastatur des Computers senkte, geschah oft erst einmal ... nichts.

Habe ich je darüber geredet, dass das, was sich in unserem Inneren schon ganz klar abzeichnet, dass ein Gefühl, so eindeutig und stark es auch sein mag, sich manchmal nur schwer in Worte fassen lässt? Habe ich in meiner Geschichte erwähnt, dass ich, bevor mir klar wurde, worum es für mich geht, ein halbes Leben lang blind gewesen war für das, was manch anderer vielleicht längst in mir erkannt hatte? Habe ich mir selbst jemals klar gemacht, wie oft ich meinen eigenen Gefühlen misstraut habe, weil ich mich aus Gründen der Vernunft und auf den Ratschlag von mir nahe stehenden Menschen hörend, für einen Beruf entschieden hatte, von dem ich mir, ich weiß selbst nicht mehr was, versprochen hatte?

Das alles beschäftigte mich, während ich schweigend vor meinem Computer saß und Johanna anschaute. Nein! Ich werde ihr jetzt nicht exakt die gleiche Geschichte erzählen, die auf unserer Website steht, auch wenn sie wahr ist, auch wenn sie so genau wie möglich beschreibt, warum ich tue, was ich tue. Ich werde ihr erzählen, was ich beim Schreiben meiner Geschichte nicht erwähnt habe und was mir in diesen Momenten, in denen ich Johannas Blick wortlos erwiderte, klar wurde.

„Johanna, wow. Deine Frage hat gerade eine Flut von Gedanken in mir ausgelöst. Und eines wird mir in diesem Moment klar. Ich habe etwas Wichtiges versäumt, als ich meine Geschichte aufgeschrieben habe. In meiner Geschichte steht nichts über die Ängste und Unsicherheiten, die genau wie die Freude, die Erleichterung und die Neugier Teil meines Veränderungsprozesses waren. Es gibt Menschen, die wissen sehr früh in ihrem Leben, worum es für sie geht. Sie gehen ihren Weg unbeirrt in der Gewissheit, dass es nichts anderes gibt, als das, was sie tun, um ihren Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Das heisst, sie sind sich ihres Auftrags bewusst und sie haben wohlüberlegt oder instinktiv einen Beruf gewählt, der ihnen dabei hilft, ihren Auftrag zu erfüllen. Dann gibt es Menschen wie Dich, die werden Architektin aus Familientradition oder weil sie einen Beruf suchten, der viele Fähigkeiten in sich vereint. Doch irgendwann kommt der Moment, da stellen auch diese Menschen sich die Fragen, die sie sich bis dahin nie gestellt haben: Was ist eigentlich der Sinn meiner Arbeit jenseits der Architektur? Was will ich mit den Mitteln der Architektur zum Ausdruck bringen? Kurz gesagt, was ist meine Mission? Und jetzt komme ich zurück zu mir.“ 

Ich atmete erleichert auf, fühlte ich mich doch gerade in diesem Moment wie mitten in einem Schreibprozess, in dem es mich einmal in die eine, dann wieder in eine andere Richtung zieht und ich hatte keine Ahnung, was am Ende dabei herauskommt. Alles was ich wusste war, ich hatte etwas Wichtiges mitzuteilen. 

„Wie fing es also an? Wie viele Veränderungen im Leben, begann auch meine mit einem sogenannten ‚Zufall’. Mein damaliger Mann und Büropartner hatte eine Einladung von Volker Eich erhalten, in der dieser für den Strategiekreis Architekten warb. Mein Mann bat mich, die Einladung zu lesen, um dann mit ihm darüber zu sprechen, ob der Strategiekreis eine Option für uns wäre, die Probleme, die uns in unserer Arbeit belasteten und mit denen wir nicht weiterkamen, anzugehen. Ich las die Mail und wollte mehr über den Initiator erfahren. Bei meiner Recherche stieß ich auf den Artikel ‚Haben Sie eine gute Strategie’ von Volker Eich in dem Architektur-Magazin ‚ach’, den er mit seiner eigenen Geschichte einleitete. Ich begann zu lesen und vielleicht kennst Du das Gefühl,“

jetzt sah ich zum ersten Mal auf, seit ich ziemlich atemlos mit meiner Ausführung begonnen hatte und schaute Johanna an, 

„wenn Dein ganzer Körper aufmerksam ist. Ich meine, nicht nur Dein Geist ist wach. Es ist viel mehr als das. Du fühlst eine Energie durch Deinen Körper fliessen, die alle Zellen zum Vibrieren bringt.“ 

Johanna schaute mich aus großen Augen an. Dann nickte sie heftig. 
„Die Geschichte, die Volker erzählte, hatte nichts mit meiner eigenen Geschichte zu tun und gleichzeitig fühlte sie sich doch an, wie meine eigene Geschichte. Verstehst Du? Genau an der Stelle bekam ich den roten Faden zu fassen und ich beschloss wohl damals intuitiv, ihn nicht mehr loszulassen. Was ich sagen will ist, das Schicksal bietet uns immer wieder seine Hilfe an, wenn wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir nicht weiter wissen. Unser ‚Auftrag’ begegnet uns regelmäßig wieder. Er kommt z.B. in Gestalt von Menschen, von Geschichten, von Filmen oder Literatur. Alles, was wir tun müssen, wenn wir wissen wollen, was unser Auftrag im Leben ist, ist genau hinzusehen, hinzuhören und den Gefühlen, die das Hinsehen und Hinhören auslöst, nachzuspüren. Und dann beginnnen wir, uns zu erinnern.“

„Wenn ich Dir so zuhöre, dann klingt das alles ganz leicht.“

„Während ich beginne Dir zu erzählen, wie es bei mir war, fühlt es sich auch ganz leicht an. Doch tatsächlich war es ein krasser Wechsel zwischen dem Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein und großer Angst, die mich während des Prozesses, in dessen Verlauf ich erkannte, worum es in meinem Leben geht, begleiteten.“ 

„Was hat Dir geholfen, dran zu bleiben?“

„ Nachdem ich den Artikel von Volker gelesen hatte, war ich wild entschlossen, den Strategiekreis kennenzulernen und ich wollte mich wieder mehr mit dem Thema Coaching beschäftigen. Ich hatte längere Zeit vorher damit begonnen, Literatur über systemisches Coaching zu lesen. Ich wusst selber nicht so genau, was ich damit als Architektin anfangen sollte, aber es interessierte mich brennend. Meine Neugier war geweckt und alles, was ich dann tat, war, meinem Gefühl zu folgen. Und jetzt kommt der wesentliche Punkt. Das Wichtigste war, dass ich Menschen an meiner Seite hatte, die mir zuhörten ohne mir Ratschläge zu erteilen, die mich ermutigten, wenn ich an mir selbst zweifelte und die mir die richtigen Fragen stellten, wenn ich Gefahr lief, vor lauter Selbstzweifel und Angst vor der eigenen Courage zu verstummen. Der Strategiekreis Architekten, die heutige Super Gruppe, war eine große Unterstützung für mich.

Von dem Moment an, an dem ich meinem Gefühl folgte, ohne Angst mich zu blamieren, als ich also begann, mich selbst und meine sogenannten ‚Flausen’ ernst zu nehmen, fügten sich die Dinge wie durch ein Wunder.

Im Strategiekreis sprach ich über das, was mir in meinem Berufsleben fehlte und das Feedback was ich dort erhielt, führte mich zurück zu Erfahrungen und Begegnungen, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben zogen. Die wunderbarste aller folgenden Erfahrungen war, dass Volker mir eines Tages sagte, er wünsche sich, dass ich die Strategiekreise mit ihm zusammen moderiere. Das war vor 6 Jahren.

Als ich begonnen hatte, meinen Gefühlen zu vertrauen und meine Gedanken darauf auszurichten, wo ich hin wollte, vollzogen sich einige Veränderungen nahezu mühelos. Einige andere waren schwieriger.

Jede Veränderung bringt uns an Scheidewege, an denen wir uns ganz klar für eine Richtung entscheiden. Wir wählen einen neuen Weg. Das heisst, wir lassen etwas hinter uns. Wir opfern etwas, das Teil unseres alten Lebens war, um Neues zu erfahren. Das sind die härtestens Prüfungen auf unserem Weg zu dem Menschen, der wir wirklich sein wollen.

Es gab Momente, da zog es mich zurück in mein gewohntes Leben, da wirkte das Neue, das Unbekannte beängstigend auf mich. 

Als ich 2009 auf den Strategiekreis aufmerksam wurde und dann den Artikel von Volker gelesen habe, da war es, als hätte mein inneres Navigationssystem auf Autopilot geschaltet und von da an stellten sich die Weichen wie von selbst. 

Alles was ich tun musste, war mich zu entscheiden, entweder meiner Neugier und meine Freude zu folgen oder die vielen Fragen, die mich beschäftigten zurückzudrängen und die zu bleiben, die ich damals war.

Es ist nicht zwangsläufig so, dass die Entdeckung, worum es im eigenen Leben geht, mit so gravierenden Veränderungen einhergeht, wie es bei mir der Fall war. Nicht jeder, der seine Berufung erkennt, wechselt wie ich auch gleich seinen Beruf. Die meisten meiner Kunden haben genau den Beruf gewählt, mit dem sie das in die Welt bringen können, worum es ihnen geht. Was ich tun kann ist, ihnen dabei zu helfen, auf ihre innere Stimme zu hören und sie auf Ihrer Entdeckungsreise zu begleiten, wenn sie beginnen sich zu fragen: Warum bin ich Architekt/in geworden und was will ich mit den Mitteln der Architektur bewirken?“ 

Puh, das war dann doch eine lange Rede geworden. Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und atmete einmal tief ein und wieder aus. Ich war gespannt auf Johannas Reaktion. Was dann passierte, kam völlig überraschend. Johanna begann zu lachen. Ein lautes, befreites Lachen. Und ich konnte gar nicht anders, als mit ihr zu lachen. Dann sagte sie:

„Weißt Du was, ich weiß jetzt genau, worüber ich heute mit Dir reden will.“

Wenn Du neugierig bist zu erfahren, wovon die Geschichte handelt, die mich zu meiner Mission geführt hat, kannst Du sie hier lesen: 
Meine Mentorin